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Permanentes Plebiszit
Politik im Zeitalter der Globalisierung
1. Zustandsbeschreibung
Wir schreiben
das Jahr 2005. Weltweit nehmen die Vermögensunterschiede weiter zu. Die Schere
zwischen armen und reichen Ländern klafft täglich weiter auseinander, ebenso
wie jene zwischen Besser- und Schlechtergestellten innerhalb der einzelnen
Staatsgemeinschaften.
In
jahrhundertelanger Akkumulation haben die Erben vergangenen Unrechts ihre
ökonomische und politische Macht immer
weiter ausgebaut. Die Nachfahren der Raubritter von einst sind heute in der
Regel „adlige“ und politisch einflussreiche Großgrundbesitzer; frühere
Kolonialstaaten gehören heute der Ersten, ehemalige Kolonien der Dritten Welt
an. Einzelne Milliardenerben verfügen bei ihrer Geburt bereits über mehr
Vermögen, als die gesamte Einwohnerschaft mancher Entwicklungsländer im Jahr
erwirtschaften.
Die
Regierungen der Industrienationen bauen die Sozialsysteme immer mehr zurück und
begründen dies mit der Notwendigkeit zur Konkurrenzfähigkeit auf dem globalen
Markt. Das Vertrauen in die Politik schwindet rapide dahin, die große Mehrheit
der Menschen, die angesichts sogenannter „Demokratie“ hauptsächlich Ohnmacht
empfinden, ist ratlos bis verzweifelt. Die Organisation der Lebenswelten folgt
den „Erfordernissen der Ökonomie“, nicht umgekehrt.
Es wird
tagtäglich deutlicher, dass dieser Fortschritt auf einem falschen Weg
stattfindet. Die entfesselte Marktwirtschaft stürzt immer größere Massen in
immer bittere Armut. Die Verteilungskämpfe werden härter. Zunehmende
Aggressivität, Kriminalität, Terror und Krieg sind die logischen Folgen.
Es ist an der
Zeit, über eine globale Zusammenarbeit nachzudenken, um der weltweit wütenden
Macht des Kapitals Einhalt zu gebieten.
2. Überzeugungen
(a) Alle
Menschen sollten, unabhängig von ihrer Herkunft, ihren körperlichen und
geistigen Fähigkeiten die gleichen Rechte und Chancen erhalten. Politisch
richtig (=vernünftig) ist, was den (nicht nur materiell verstandenen)
allgemeinen Wohlstand maximal befördert.
(b) Vier
Augen sehen mehr als zwei; zwei Köpfe wissen mehr als einer. Ein Mehrheitskonsens
hat in der Regel der Fälle größere Aussichten, richtig zu liegen, als die
Entscheidung eines Einzelnen (und sei dieser noch so kompetent und
wohlmeinend).
(c) Jeder ist
sich selbst der Nächste. Jeder sollte in der Regel am besten wissen, was für
ihn gut ist, und ein vernünftiger, aufgeklärter Egoismus ist unter dem Primat
der Gleichheit auch die beste denkbare Voraussetzung für allgemeine Solidarität
(kategorischer Imperativ). Im allgemeinen Interesse sollte jeder tun dürfen,
was er möchte, solange er dadurch die Freiheit anderer Menschen nicht
beeinträchtigt.
(d) Die
Menschen sind besser als ihr Ruf. Wer ihnen hinsichtlich der Fähigkeit zur
politischen Selbstbestimmung das nötige Verantwortungsbewusstsein abspricht,
übersieht oder will aus eigenem Interesse übersehen, dass sich ein Bewusstsein
nur von etwas bilden kann, was auch existiert. Verantwortungsbewusstsein kann
sich also nur als Folge von Eigenverantwortung einstellen und darf nicht als
deren Voraussetzung eingefordert werden. (Vgl. unten: 8. Plebiszitäre
Rechtsprechung, Beispiel „Todesstrafe“)
(e) Die
weltweiten Ressourcen würden bei gerechter Verteilung (und unter Wegfall der
Ausgaben, die für die Zementierung der Unterschiede, wie Rüstung,
Sicherheitssysteme usw., sowie der Verschwendungseffekte von Überproduktionen)
nicht nur ausreichen, um weltweit mindestens den durchschnittlichen
Lebensstandard heutiger wohlhabender Staaten zu gewährleisten, sondern dies bei
vernünftiger Bewirtschaftung auch in Zukunft und sogar für eine moderat
steigende Weltbevölkerung.
(f) Die
technischen Voraussetzungen für eine maximale gleichberechtigte
Selbstbestimmung aller menschlichen Gemeinschaften bis hin zur Weltbevölkerung
sind gegeben; es liegt nur daran, die politischen und ökonomischen
Voraussetzungen zu schaffen. Dieses wäre im Zuge eines evolutionären
Entwicklungsprozesses innerhalb kurzer Zeit zu bewältigen. Bei einer
revolutionären Umwälzung dagegen würden erfahrungsgemäß an Stelle der alten
Unrechtsstrukturen neue, ebenso undemokratische Verhältnisse entstehen.
3. Das Prinzip des Permanenten Plebiszits
Die
Grundregel ist ganz einfach: jeder Mensch hat bei jeder anstehenden
Entscheidung, die ihn betrifft (bzw. von der er sich betroffen fühlt), das
Recht, seine Stimme abzugeben. (Für Minderjährige und anderweitig beschränkt
Entscheidungsfähige wäre zu erwägen, ob dieses Recht ggf. auf die jeweiligen
Vormünder übergehen sollte.)
Jede
Entscheidung kann im Nachhinein wieder zur Disposition gestellt und von einer
entsprechenden Mehrheit revidiert werden.
Zu diesem
Zweck ist es notwendig und auch wünschenswert, über das Weltgeschehen in
Gegenwart und Vergangenheit so gut wie möglich informiert zu sein.
Die
technischen Voraussetzungen bietet bereits heute das Internet. Jeder Mensch
müsste Zugang dazu bekommen, um sich einerseits informieren und andererseits
eigene Informationen (zu denen eben auch die eigenen Entscheidungen bzw.
Präferenzen gehören) einspeisen zu können.
Um die
Möglichkeiten Einzelner, Mehrheiten zu manipulieren, weitestmöglich
einzuschränken, müssten freilich auch rasch die ökonomischen und politischen
Verhältnisse demokratisiert werden. Große Konzerne, Medienmonopole usw. könnten
qua Mehrheit verstaatlicht werden (vgl. unten: 5. Verallgemeinerung von
Einzelvermögen); an die Stelle von Werbung/Propaganda träte dann die frei
zugängliche und nachprüfbare Information. Nicht nur berufsmäßige
Meinungsmacher, sondern jeder Einzelne könnte seine Erkenntnisse und Ansichten
ins Netz und damit zur Disposition stellen.
Ebenso würde
die Politikerkaste, die heute m.o.w. die Welt im Interesse der
Wirtschaftseliten verwaltet, zu Dienstleistern der Weltgemeinschaft bzw. ihrer
jeweiligen Mehrheiten. Nicht Entscheider/Macher für langfristige
Legislaturperioden würden gewählt, sondern Verwaltungsbeamte zur Formulierung
und Umsetzung von vielen tausenden täglichen Einzelentscheidungen.
Niemand wäre
freilich gezwungen, bei allen oder auch nur bestimmten Entscheidungsprozessen
mitzuwirken. In vielen Fällen wird sich nur eine verschwindend kleine,
interessierte (und daher auch informierte und kompetente) Minderheit daran
beteiligen. Sollte sich herausstellen, dass diese falsch gelegen hatte, würde
es eine neue Debatte mit verstärktem Interesse und eine revidierte Entscheidung
auf breiterer Grundlage geben.
Da auch kein
Einzelner über mehr Entscheidungsgewalt verfügen würde als andere, müsste auch
niemand an seiner früheren, als falsch erkannten Entscheidung festhalten, um
sein Gesicht zu wahren, wie es heute leider allzu oft der Fall zu sein scheint.
Und
schließlich bräuchte sich niemand mehr fremdbestimmt fühlen; denn auch wenn
jeder gelegentlich in bestimmten Fragen unterliegen würde, müsste jeder
Einzelne (rein mathematisch) in der Mehrzahl der Abstimmungen zur Mehrheit
gehören. Mit anderen Worten: es würde nicht immer alles so kommen, wie wir (=
jeder einzelne für sich) es uns vorstellen; aber es würde doch alles genau so
geschehen, wie wir (= alle zusammen) es entscheiden.
4. Wege zur plebiszitären Gesellschaft
Wie könnte
nun also die politischen Voraussetzungen für eine plebiszitäre Gesellschaft
geschaffen werden?
In der
Bundesrepublik Deutschland wie auch in einigen anderen Staaten gibt es das
Instrument des „Volksentscheids“, hierzulande allerdings momentan nur auf der
Ebene der Bundesländer. Hier wären also zunächst genügend Unterschriften zu
sammeln, um in den einzelnen Bundesländern eine Art „Mega-Volksentscheid“
herbeizuführen: ob nämlich das Verfahren des Plebiszits künftig zur alleinigen
Grundlage der Politikgestaltung erhoben werden sollte. In einem nächsten Schritt
müsste über eine Initiative der bundesweiten Ländervertretung, also des
Bundesrats, eine ebensolche Entscheidung für die gesamte BRD fallen. Die
nächste Instanz könnte dann die EU sein, und im letzten Schritt müsste die UNO
sich für dieses Verfahren aussprechen.
Da die
allermeisten Mitglieder der einzelnen Staaten und auf internationaler Ebene die
meisten Staaten dabei materiell etwas zu gewinnen hätten, wären Mehrheiten
wahrscheinlich. Aber freilich würde auch die Minderheit jener, die materiell
zurückstecken müssten, einiges gewinnen: Sicherheit und inneren wie äußeren
Frieden, Achtung und Sympathie.
Freilich ist
das Problem, dass eben jene wenigen, die heute politisch und ökonomisch
privilegiert sind, auch genau diejenigen sind, die über die Macht verfügen,
dieses Verfahren zu propagieren oder aber eben auch zu behindern. Es steht also
zu hoffen, dass sich auch bei denen, die vordergründig „etwas zu verlieren
haben“, die Einsicht in die langfristigen Vorteile der permanenten Demokratie,
die ja letztendlich auch in deren ureigensten Interessen liegt, durchsetzen
möge.
Nun angenommen, das Prinzip des Permanenten Plebiszits würde sich weltweit
durchgesetzt haben. Wie könnte und würde es (wahrscheinlich) weitergehen? Hier
ein paar private Utopien…
5. Verallgemeinerung von Einzelvermögen
Nach der gerechten
Aufteilung der politischen Macht müsste folgerichtig die Aufteilung der
ökonomischen Macht, also der materiellen Güter erfolgen. Dabei sollte
allerdings langfristig vorgegangen werden, um die Besitzenden nicht unnötig zu
verprellen. Denkbar wäre z.B., hohe Erbschafts- und Vermögenssteuern zu erheben
und so extreme Besitztümer allmählich in Gemeingut zu überführen. Jedenfalls
sollte es innerhalb weniger Jahrzehnte möglich sein, Großgrundbesitz, Banken, Versicherungen,
Rentenkassen, Massenmedien, Energieversorgungsunternehmen und Großkonzerne zu
verstaatlichen und damit die ererbten Ungleichheitsverhältnisse sukzessive
abzubauen.
6. Arbeit und Konsum
Die gerechte
Verteilung der Güter und der zu ihrer Erzeugung erforderlichen Arbeit ist wohl
die vorrangige Aufgabe jeder Gesellschaft. Hier bietet sich das Prinzip der
permanenten Bedarfsermittlung an, wobei Löhne als auch Preise durch das Gesetz
von Angebot und Nachfrage ermittelt würden.
Denkbar und
wahrscheinlich, da wünschenswert, wäre etwa folgendes Modell: jeder Mensch
erhält (quasi als seinen Anteil an der industriell-maschinellen, ohne
menschliche Arbeitskraft auskommenden Produktion) ein monatliches Bürgergehalt
als Grundversorgung. Darüber hinaus gibt es einen freien (analog zu heutigen
Börsen organisierten) Arbeitsmarkt, auf dem sich jeder kurzfristig seinen
täglichen oder wöchentlichen Stundenplan zusammenstellen kann. Das mag
beispielsweise so aussehen, dass ich morgens ins Internet gehe, nachschaue,
welche Tätigkeiten in meiner Nähe (oder einem anderen gewünschten Arbeitsort)
demnächst anliegen und wie sie bezahlt werden, mir dann die für mich
angenehmsten oder auch die am besten bezahlten Angebote aussuche und meine
Arbeitsstunden auswähle. Voraussetzung wäre natürlich, dass ich die
erforderliche Qualifikation besitze. Eine Fließbandarbeit kann sicher jeder
voraussetzungslos und im Stundentakt ausüben, einen Bereitschaftsdienst als
Notfallchirurg im Krankenhaus dagegen natürlich nicht, weswegen letzteres
sicherlich – dem Gesetz von Angebot und Nachfrage entsprechend – erheblich
besser bezahlt würde. Dagegen ist es durchaus naheliegend, dass ein einfacher,
aber unangenehmer Job (z.B. eine übergelaufene Toilette reinigen) besser
bezahlt würde als ein „Traumjob“ (wie z.B. als Model über den Laufsteg
schlendern, wofür evtl. sogar noch bezahlt werden müsste).
Solch eine
Arbeitsorganisation würde den Menschen sicherlich sehr viel mehr Befriedigung
verschaffen, als es heute der Fall ist. Anstatt jahrzehntelang in
stumpfsinniger Routine vierzig Stunden wöchentlich, fünfzig Wochen jährlich in
immerdemselben Betrieb die immergleiche Arbeit zu verrichten (wer genau dies
möchte, könnte dies freilich weiterhin tun), hätte jeder die Möglichkeit, seine
Tätigkeit und/oder seinen Arbeitsort jederzeit zu wechseln, sich freizunehmen
(und entsprechend zu bescheiden) oder zu schaffen (und entsprechend mehr zu
verdienen). Wieso nicht für ein Jahr im „eigenen“ (gelernten) Beruf, aber einem
ganz anderen Land arbeiten? Weshalb nicht als Sachbearbeiter mal für ein
Weilchen im Sommer als Erntehelfer schaffen? Warum nicht einmal für unbestimmte
Zeit aus dem Erwerbsleben ausscheiden, um z.B. zu reisen oder eine Ausbildung
nachzuholen?
Analog dazu
könnte auch der aktuelle Bedarf an Konsumgütern ständig ermittelt und bewertet
werden – im Sinne einer permanenten Planwirtschaft. Das könnte so aussehen,
dass ich meine Einkäufe online nach Tagespreisen und Verfügbarkeit tätige (und
ggf. Wünsche für die Zukunft äußere) und kurz darauf in den entsprechenden
Läden abhole. Konkurrenzbedingte Überproduktionen (Butterberge, Milchseen)
ließen sich dadurch ebenso wie längerfristige Engpässe leicht vermeiden. Der
Preis jeden Konsumgutes errechnete sich dann aus seinen Herstellungskosten. Und
auch dann gälte: Luxus hat seinen Preis – und manch heutiger materieller Luxus
wäre dann mit Recht unbezahlbar.
7. Kultur und Bildungswesen
Es versteht
sich fast von selbst, dass der Zugang zu Bildung und Kultur grundsätzlich allen
Interessierten gleichberechtigt und kostenfrei möglich sein sollte. Die strenge
Einteilung in Fächer und Wissensgebiete, das Fachidiotentum und die
eifersüchtige Abschottung von Hoheitsgebieten dürfte in einer plebiszitären
Demokratie bald der Vergangenheit angehören. Patent- und Kopierrechte würden
ihren Sinn verlieren, wenn nicht mehr wirtschaftliche Einzelinteressen, sondern
das Allgemeinwohl im Vordergrund stünden; große Kunstwerke könnten kaum noch in
irgendwelchen Privatarchiven abseits der Öffentlichkeit verschimmeln, das Opern-
und Theatersterben wäre beendet, statt dem heutigen film- und buchhändlerischen
Blockbuster-Einerlei könnte cineastische und literarische Vielfalt entstehen.
Forschung
würde nicht mehr nach Brot (sprich: nach Konzerninteressen) gehen, neue
Technologien bräuchten weniger gefürchtet werden, da gewährleistet wäre, dass
sie nicht skrupellos zu betriebswirtschaftlichen Interessen eingesetzt würden.
Ein jeder
hätte das Recht, sich jederzeit aus- und weiterbilden zu lassen und zum
Beispiel mit vierzig Jahren noch einmal den Mathematikunterricht der sechsten
Klasse zu besuchen, um damals versäumtes nachzuholen. Das Radio- und
Fernsehprogramm wäre nicht vorgefertigt, sondern ließe sich nach individuellen
Bedürfnissen (und vor allem ganz ohne Werbeunterbrechungen) zusammenstellen.
Der „Konsum“ von Kultur würde nicht mehr einseitig, sondern interaktiv
stattfinden.
8. Plebiszitäre Rechtsprechung
Ein immer
wieder vorgebrachtes Argument gegen das Plebiszit ist, dass die (als dumm
angesehene) Mehrheit dann als erstes die Todesstrafe wieder einführen würde.
Nehmen wir
diesbezügliche Umfrageergebnisse ruhig einmal ernst (ungeachtet dessen, dass es
eben einen großen Unterschied macht, ob ich eine folgenlose Umfrage beantworte
oder im konkreten Fall Mitverantwortung über Tod oder Leben eines Mitmenschen
übernehmen soll). Warum sollte die Todesstrafe auch ein Tabu darstellen? In
einer plebiszitären Rechtsprechung hätte eben auch jeder, der sich betroffen
wähnt, eine gleiche Stimme – und sollte der Extremfall eines offenbar unverbesserlichen,
gemeingefährlichen, sadistischen Schlächters vor Gericht sitzen, mag es
geschehen, dass sich eine Mehrheit für dessen Tötung ausspricht, so bitter dies
für die Minderheit der Todesstrafengegner dann auch wäre.
Viel öfter
aber dürften die Fälle vorkommen, in denen das Publikum – dass sich, da es
selber zu entscheiden hat, auch intensiver mit dem Fall beschäftigt –
angesichts der geschilderten Situation in tiefes Grübeln verfällt, Mitleid
nicht nur mit dem Opfer, sondern auch mit dem Täter empfindet, und dass am Ende
einer Verhandlung statt einer allseits unbefriedigenden, weil sinnlosen
Haftstrafe vielleicht ein Ansatz zu Widergutmachung steht – etwa, wenn sich ein
reuiger Mörder glaubhaft verpflichtet, die Eltern seines Opfers fortan und im Alter
zu unterstützen und zu pflegen und diese dem zustimmen… Dies mag allzu
konstruiert klingen, soll aber nur ungefähr die Richtung aufzeigen, in die ein
Täter-Opfer-Ausgleich gehen könnte, wenn Rechtsprechung durch die Allgemeinheit
geleistet wird und nicht mehr wie heute wenigen Berufsjuristen obliegt, die
obendrein gezwungen sind, nach teilweise veralteten, vielfach nach
Herrschaftsinteressen verfassten Gesetzeswerken zu urteilen.
9. Zweifelsfälle
Natürlich
wird es immer wieder existentielle Fragestellungen geben, in denen sich zwar
Mehrheiten, aber keine echten Einigungen erzielen lassen werden. Nach dem
Prinzip des kategorischen Imperativs
(vgl. oben, 2c) wird es Minderheiten freigestellt sein, nach ihrer Fasson zu
leben, solange sie andere dadurch nicht beeinträchtigen. Sollte sich
beispielsweise eine Mehrheit dafür aussprechen, auf bestimmte Technologien
(sagen wir brennstoffbetriebenen Individualverkehr) zu verzichten, eine starke
Minderheit darauf aber nicht verzichten wollen, wäre es denkbar, ein der Stärke
der Minderheit entsprechendes Territorium abzugrenzen und dahingehend
freizugeben (die dazu erforderliche Mobilität sollte unter den oben
ausgeführten Umständen kein großes Problem darstellen). Oder nehmen wir an,
eine wie auch immer geartete Gruppe will sich der plebiszitären Demokratie
verweigern und lieber nach dem Führerprinzip organisieren; solange sie nach
außen hin nicht aggressiv oder sonstwie beeinträchtigend auftritt, könnte sie
innerhalb ihrer Grenzen dieses Gesellschaftsexperiment durchführen. (Freilich
ist es mehr als unwahrscheinlich, dass sich aus einer Gesellschaft, in der
jeder Einzelne tagtäglich qua Meinung vielen unterschiedlichen
Interessengruppen angehört, eine faschistische Bewegung herausbildet.
Angesichts der Vielschichtigkeit der Persönlichkeiten mutet es ja heute schon
einfach lachhaft an, Menschen nach Nationen, Klassen u.ä. einzuteilen.)
Soweit meine
privaten Utopien - sicherlich könnte (und wird) alles auch ein bisschen oder
sogar ganz anders kommen.
Eine
Garantie, dass das permanente Plebiszit immer oder wenigstens meistens die
richtigen Entscheidungen hervorbringt, gibt es freilich nicht. Aber die
Wahrscheinlichkeit dafür scheint allemal sehr viel höher als bei unserer
gegenwärtigen Plutokratie und all den anderen bisher vorgeschlagenen und
praktizierten Herrschaftsformen.
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